Interview mit Wong Ing Boh Diana (Kuala Lumpur)

Interview mit Wong Ing Boh Diana (Kuala Lumpur), geführt von Boris Nieswand

Diana WONG arbeitet derzeit in Kuala Lumpur als Projektkoordinatorin des SSRC-Projekts "The Religious Lives of Migrant Minorities", das auch London und Johannesburg behandelt. Zuvor war sie in Deutschland, Singapur und Malaysia tätig.


N: Was bedeutet „Vielfalt“ für Sie im Kontext Ihrer Arbeit und im Bereich Ihrer Fachkenntnis?

W: Ich würde, glaube ich, damit anfangen, indem ich sage, dass das, was „Vielfalt“ mir innerhalb meiner Arbeit bedeutet, eigentlich das ist, was sie mir aufgrund meiner Lebensweise bedeutet. Ich lebe in einer Alltagsstruktur von Vielfalt, nicht nur religiöser Natur aber auch ethnischer Natur, und somit ist Vielfalt eine Alltagserfahrung. Und das spiegelt sich wieder in der Art, wie ich zu Vielfalt arbeite, and die Art von Fachkenntnis, die ich zu Vielfalt gesammelt habe. Das wurde mir klar, als ich nach Deutschland gezogen bin. Es ist so eine – es WAR so eine homogene Gesellschaft. Vielfalt war kein Thema, and es war nicht nur kein Thema, sondern es war auch nicht ein Teil der Struktur der Empfindung, des Habitus, der deutschen Akademiker. Also ich glaube, das würde ich generell sagen zu der Frage von Vielfalt in meiner Arbeit.

N: Stammen Sie ursprünglich aus Malaysien?

W: Ja, ich bin in Malaysien geboren und bin in Singapur aufgewachsen. Zu der Zeit war Singapur Teil von Malaysien. –

N: Ist „Vielfalt“ einfach nur ein Begriff des Zeitgeistes – ein Spruch der post-multikulturalistischen Politik – wie in „Integrations- und Vielfaltspolitik“ – ein Handwerk der Unternehmensleitung – wie in „Vielfaltsmanagement“ – oder kann es ein Begriff sein, der helfen kann, sozialwissenschaftliche Analyse zu strukturieren und weiterzubringen?

W: Mein Hauptbedenken bei einer allgemeinen und umfangreichen Nutzung von „Vielfalt“ als eine Kategorie der Sozialwissenschaft ist, dass Vielfalt ein projezierender Begriff ist. Er wurde von der Zivilgesellschaft als politisches Konzept im Kontext der Politik der Anerkennung benutzt. Vielfalt – alle sind gleich. Und alles sollte mit inbegriffen sein. Das Problem damit für die sozialwissenschaftliche Analyse ist, dass in diesem Konzept der Vielfalt oder Diversität in der Politik der Anerkennung eine Blindheit besteht oder bestehen könnte gegenüber der Politik der Macht, welche die Beziehungen zwischen Unterschieden strukturiert. Und das ist mein Hauptbedenken bei dem Konzept der Vielfalt als ein übergeordneter Begriff, als sozialwissenschaftliches Konzept.

N: Ich verstehe deinen Punkt. – Am MPI-MMG versuchen wir, Forschungsprogramme und Theorie zu entwicklen, die die Breite spannen zwischen zeitgenössischen Einwanderungsgesellschaften, besonders in Europa, und lange bestehenden multiethnischen und multireligiösen Gesellschaften, wie Südafrika, Indien, Malaysien. Wie sehen Sie das Konzept der „Vielfalt“ dieses Programm gestalten – oder nicht gestalten?

W: Ja, ich glaube, diese Unterscheidung zwischen zeitgenössischen Einwanderungsgesellschaften und lange bestehenden multiethnischen und multireligiösen Gesellschaften ist wichtig als zwei unterschiedliche Formen von Strukturen von Vielfalt. Ich bin mir wiederum nicht sicher, dass „Vielfalt“ alleine als Begriff sonderlich produktiv ist. Ich glaube, es besteht die Gefahr, mit einer übertriebenen Nutzung dieses Begriffs....Es besteht eine Gefahr in der Forschung zu Vielfalt, dass Vielfalt selbst als Oberflächenphänomen angesehen wird. Politische Vielfalt ist so...Gesellschaftliche Vielfalt ist so...Religiöse Vielfalt ist so...Ich glaube, ein Forschungsprogramm müsste die Strukturen von Vielfalt untersuchen und vielleicht würde ich den Begriff Pluralität bevorzugen, weil Pluralität mehr Tiefe impliziert. Vielfalt deutet, fürchte ich, eher ein Oberflächenphänomen an.

N: Sie meinen, dass wegen der vielen Unterschiede an der Oberfläche, man den Weg verliert und das Verständnis der Struktur verliert?

W: Struktur und Geschichte. Ich bin der Meinung, dass Geschichte unglaublich wichtig ist und dass sie eine vorrangige Stelle in einem Forschungsvorhaben zu Vielfalt, Formen von Vielfalt, etc, haben müsste, und besonders der Unterschied zwischen diesen zwei Strukturen von Vielfalt: zeitgenössische Einwanderungsgesellschaften und lange bestehende multiethnische und multireligiöse Gesellschaften.

N: Ist das auch der Hauptunterschied, den Sie zwischen diesen zwei Arten von Gesellschaften sehen – der Gegenstand der Geschichte? Ich meine, man könnte auch diese Unterscheidung zwischen lange bestehenden pluralistischen Gesellschaften und Einwanderungsgesellschaften in Frage stellen. Es könnte viele Arten von Gesellschaften zwischen diesen zwei Polen geben.

W: Das stimmt! Absolut! Aber ich glaube, vielleicht...Wenn ich mir den Unterschied zwischen Malaysien und Deutschland anschaue...Na ja, es ist nicht nur die Geschichte, aber, denke ich, die aktuelle Politik der Anerkennung in Einwanderungsgesellschaften heute. Es ist nicht nur, dass diese zeitgenössische Einwanderungsgesellschaften sind, sondern es besteht die Tatsache, dass Migration in einem politischen System einer freiheitlich demokratischen Ordnung stattfindet, sodass die Politik der Anerkennung zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen sowie die Politik der Anerkennung zwischen Gruppen und dem Staat anders organisiert sind. Es gibt viele unterschiedliche Arten von Räumen für die Politik der Darstellung und die Politik der Begegnung, welche man in den multinationalen Gesellschaften in Afrika, zum Beispiel, nicht finden würde, wo, in der Abwesenheit einer freiheitlich demokratischen Ordnung, die Beziehungen zwischen den verschiedenen Gruppen und die Darstellung der Beziehungen zwischen diesen Gruppen eine historische Genealogie haben, welche eine aktuelle Politik der Anerkennung viel schwieriger macht.

N: Aus Ihrer Perspektive, was sind heutzutage einige der empirischen, theoretischen und/oder methodologischen Hauptherausforderungen gegenüber Vielfaltsforschung?

W: Meiner Meinung nach ist eine Hauptherausforderung das, wovon Jose Casanova immer gesprochen hat – der Dezentralisierung der Theorie. Grosse Teile der Theorie, welche wir in den Sozialwissenschaften haben, stammen aus der geschichtlichen Erfahrung des Westens und bauen auf den paradigmatischen Modellen oder den Generalisierungen dieser geschichtlichen Erfahrung auf. Wenn man Vielfalt außerhalb des westlichen Kontextes untersucht, liegt die Hauptherausforderungen darin, diese geschichtlichen Erfahrungen ernst zu nehmen, ihre Historiszität zu verstehen, den paradigmatischen Wert dieser Historiszität zu konzeptualisieren, um diese Dezentralisierung der Theorie zu ermöglichen.

N: Vielen Dank.

übersetzt von Diana Aurisch

 

Academic citations

AMA:
Boh Diana W.I. Interview on ‘diversity’. 2009 Available at: www.mmg.mpg.de/en/diversity-interviews/boh-diana/. Accessed ###date###.

APA (6th edition):
Boh Diana, W.I. (2009). Interview on ‘diversity’. Retrieved ###date###, from www.mmg.mpg.de/en/diversity-interviews/boh-diana/

Chicago (16th edition):
Boh Diana, Wong Ing. 2009. 'Interview On ‘Diversity’' Boris Nieswand. In person.
www.mmg.mpg.de/en/diversity-interviews/boh-diana/ (accessed ###date###).

Harvard:
Boh Diana, W.I. (2009). Interview on ‘diversity’. Available at: www.mmg.mpg.de/en/diversity-interviews/boh-diana/ [Accessed ###date###].

MLA (7th edition):
Boh Diana, Wong Ing. 'Interview On ‘Diversity’'. 2009. in person. Accessed ###date###. www.mmg.mpg.de/en/diversity-interviews/boh-diana/