Interview mit Miles Hewstone (Oxford)

Interview mit Miles Hewstone (Oxford), geführt von Sören Petermann

Miles Hewstone ist Professor für Sozialpsychologie and Fellow des New College, University of Oxford.

Weitere Informationen:
http://ocsic.psy.ox.ac.uk/people/mileshewstone


P: Was bedeutet Vielfalt für Sie im Kontext Ihrer Arbeit und Ihrer Expertise in diesem Bereich?

H: Lass uns mit Sozialpsychologie anfangen und erlaube mir, mich selbst zu befragen. Wenn ich eine Literatursuche unternehmen würde, was würde ich zu Vielfalt finden? Ich würde auf jeden Fall einige Arbeiten zum Thema Evaluierung von Vielfaltstraining finden – es gibt sehr praktische Arbeiten, die untersuchen, ob es klappt oder nicht. Man würde auch Arbeiten finden, die Vielfalt in kleinen Gruppen und in Organisationen mit Kreativität verbinden. Das ist eine interessante Frage, ob eine Einheit mit mehr Vielfalt zu größerer Kreativität führen kann. Das kann verbunden werden mit Untersuchungen zu Gruppenbrainstorming, und auch zu Minderheiteneinfluss. Im Gegensatz zu dem, was die meisten glauben, führt Gruppenbrainstorming Leute nicht dazu, mehr kreativ zu sein, als sie es als Individuen sind, aber es stimmt, dass die Gruppen erfolgreicher arbeiten, wenn sie heterogen anstatt homogen zusammengesetzt sind. Also das führt zu einer Mischung der Perspektiven. Wenn Sie möchten, eine Mischung von Identitäten oder Wissenshintergründen, welche eine andere Art von Vielfalt ist, wird oft mit Kreativität assoziiert.

In der Sozialpsychologie sind wir auch von manchen klassischen soziologischen Werken von Rosabeth Moss Kanter beeinflusst worden, über die Prozentsätze von Minderheiten- und Mehrheitengruppen. Sie hat ursprünglich über Arbeitskräfte geschrieben. Sie sprach von verzerrten im Gegensatz zu gekippten Verteilungen von Mehrheits- und Minderheitsmitgliedern. Zum Beispiel, man hat vielleicht eine Ingenieurfirma mit einer großen Mehrheit von männlichen Angestellten und einer sehr kleinen Minderheit von Frauen. Und dann hat man innerhalb dieser Kategorien auch einzelne oder symbolische weibliche Angestellte. So hat man vielleicht eine Arbeitsgruppe mit hauptsächlich Männern und einer „symbolischen“ Frau; die Auswirkung von Vielfalt ist in diesen unterschiedlichen Situationen sehr interessant zu untersuchen. Zum Beispiel, ob man eine Stereotypenveränderung herbeibringen kann, indem man eine einzige Frau in dieser Gruppe hat; und die Frage ist, wenn sie als eine „solo“ Frau oder vielleicht eine Ausnahme angesehen wird, oder vielleicht als aus einem ganz bestimmten Grund ausgesucht, dann wird die Annahme wahrscheinlich sein, dass sie nicht viel Einfluss auf Stereotypenvorstellungen haben wird. Also das ist auf jeden Fall eine Literatur in der das V-Wort, Vielfalt, benutzt werden würde.

Natürlich sind die meisten Sozialpsychologen meiner Art generell an Gruppenbeziehungen interessiert, und Vielfalt ist nur ein Aspekt davon. Aber ich glaube, vielleicht vermischt sich hier die erste Frage mit anderen Fragen, wenn ich mir überlege: Was hat Vielfalt uns zu bieten? Was ist an der Untersuchung von Vielfalt das Interessante? Und einer der Hauptaspekte – der theoretisch ist und auch empirisch – ist, dass wir dazu tendieren, in einem Paradigma mit einer einzigen Ingroup und einer einzigen Outgrup zu arbeiten. Also das ist an Ansatz zur Untersuchung von Intergruppenbeziehungen, als ob diese Beziehungen dichotom wären. Und das vereinfacht alles sehr, macht es viel einfacher, Experimente im Labor durchzuführen. Es vereinfacht die statistische Analyse. Aber es ist natürlich eine große Vereinfachung der wirklichen Intergruppenbeziehungen. Und ich glaube, wenn man Vielfalt untersucht, zwingt es einen, einen breiteren theoretischen Ansatz anzunehmen und zwingt einen, die Komplexitäten der Datenanalyse mit Multigruppenstruktur anzunehmen.

P: Also bedeutet Vielfalt mehr als eine einfache Unterscheidung zwischen zwei Gruppen?

H: Genau. Wir haben erst vor Kurzem Feldforschung in Malaysia durchgeführt. Dort gibt es drei unterschiedliche Gruppen, die dort vor Ort als „Rassengruppen“ bezeichnet werden. Es gibt Malayen, Chinesen und Inder. Das ist einfach eine enorme Erweiterung der Komplexität der Art, wie man über Intergruppenstrukturen denkt und wie man sie analysiert. Vielfalt wird auch von Sozialpsychologie untersucht durch Forschung über die Faktoren, die mit der Salienz von Identitäten verbunden werden. Also, hat eine Frau das Gefühl, dass ihre geschlechtsbezogene Identität mehr Bedeutung hat, wenn sie die einzige Frau in einer Gruppe mit fünf Männern ist, oder wenn drei Frauen und drei Männer in der Gruppe sind? Und man hat sich diese Arten von Untersuchungen mit unterschiedlichen Gruppen angeschaut, Rassengruppen und Geschlechtergruppen, usw. Und Vielfalt kann dort sehr speziell eingesetzt werden als eine kontextabhängige Variabel, welche, zumindest in Versuchen, manipuliert werden kann.

P: Ist Vielfalt nur ein Begriff des Zeitgeistes, ein Schlagwort der postmultikulturalistischen Politik, z.B. „Integrations- und Vielfaltspolitik“, ein Werkzeug der Unternehmensleitung wie in „Diversity Management“, oder kann es ein Konzept sein, das zur Strukturierung und zum Fortschritt der sozialwissenschaftlichen Analyse beiträgt?

H:Zur Zeit glaube ich nicht, dass dieser Begriff viel Inhalt trägt. Damit meine ich, dass es einige Sachen gibt, die wir bei dem Treffen besprochen haben, Diversity Training, und nun gibt es Berater usw., die einem helfen, eine mehr vielfältige Organisation zu schaffen, oder der mehr vielfältigen Organisation helfen, mehr effektiv zu arbeiten, usw. Aber das kann man mit dem verbinden, wovon ich gerade geredet habe. Ich mache mir Gedanken darüber, von der Zweigruppenstruktur zur Multigruppenstruktur zu wechseln. Also, ich glaube, wenn man sich mit dem Thema Vielfalt auseinandersetzt, muss man anerkennen, dass die Zweigruppenstruktur zu einfach ist. Und wirklich über Vielfalt nachzudenken hat, glaube ich, auf unsere Forschung, nicht so sehr auf die Forschungsmethoden etwas Einfluss gehabt. Da gibt es eigentlich ein paar andere Variabeln, die wir untersuchen würden.

Traditionellerweise, z.B., hat man Stereotypen untersucht und man hat sie auf einer sehr geradlinigen Art und Weise untersucht, in dem Sinne von Stereotypen als zentrale Tendenzen. Mitglieder von Gruppe X sind meistens sehr Y. Aber vor Kurzem haben manche Wissenschaftler die Idee von Verteilung miteingebracht, die Idee, dass Gruppenmitglieder um eine zentrale Tendenz herum variieren. Dadurch wird man sofort gezwungen, die Vielfalt der Mitglieder in jeder Gruppe anzuerkennen. Auch wenn man ein strittiges Thema hat, wie eine Diskussion darüber, ob Männer ein besseres räumliches Gedächtnis haben als Frauen, oder ob ethnische Gruppen sich in ihrem IQ unterscheiden. Ein wichtiger Punkt in allen solchen Debatten ist, nicht nur über die zentrale Tendenz nachzudenken, sondern über die Verteilung um jede zentrale Tendenz. Also es macht einen großen Unterschied, ob man eine Gruppe auf eine bestimmte Art als Stereotyp kategorisiert, aber man gleichzeitig den Grad der Vielfalt in der Gruppe als sehr niedrig oder sehr hoch ansieht, weil das dann beeinflusst, wie sicher man sein kann, dass jedes Mitglied der Gruppe diese Merkmale haben wird. Das ist eine Art eines „abhängige Variabel“ Aspekts bei Vielfalt, glaube ich. Für mich persönlich hat das Wort „Vielfalt“ nicht diese Last, ich muss dabei nur an eine Mannigfaltigkeit von Forschung denken. Ich sehe nicht, dass es das Forschungsprogramm meiner Disziplin der Sozialpsychologie sehr gestalten wird, aber ich sehe uns schon auf manche der Fragen reagieren, die zur Zeit aufkommen, und ich nehme an, dass es zweifellos zu manchen Entwicklungen in unserer Theorie führen wird. Ob das mit oder ohne Absicht geschehen wird, bin ich mir nicht sicher.

P: Am Max Planck Institut versuchen wir, Forschungsprogramme und Theorie zu entwickeln, die die Breite spannen von zeitgenössischen Einwanderergesellschaften, besonders in Europa, und lange bestehenden multiethnischen und multireligiösen Gesellschaften, wie z.B. Südafrika, Indien und Malaysia. Wie sehen Sie das Konzept der Vielfalt dieses Forschungsprogramm gestalten oder nicht gestalten?

H: Da muss ich wieder sagen, wahrscheinlich nicht. Steve hat bei diesem Treffen gesagt, dass dieses Max Planck Institut den engen Blick nur auf Ethnizität vermeiden will. Für mich als Sozialpyschologen bedeutet Vielfalt, diese homogenen Wahrnehmungen von Gruppen aufzubrechen, zu erkennen, dass in jeder Art von Gruppe, z.B. ausgesucht hinsichtlich der Ethnizität, es eine Variation bezüglich der sozialen Schicht, des Alters, des Geschlechts, der sexuellen Orientierung geben wird. Also haben wir eine Vielfalt von Unterkategorien, die wir auch mitbedenken müssen. Ich stimme der Idee völlig zu, dass wir uns nicht ausschliesslich auf die Vorstellung von Ethnizität konzentrieren sollten.

P: Aus Ihrer Perspektive Ihrer Expertise, was sind einige der empirischen, theoretischen und/oder methodologischen Schlüsselherausforderungen, denen die Vielfaltsforschung zur Zeit gegenüber steht?

H: Wir sind vielen davon begegnet, als wir zusammen unseren Forschungsantrag geschrieben haben. Wenn man sich für Ideen wie Identität oder Kontakt interessiert, hat man viel mehr potentielle Fragen zu stellen, wenn man aus der bequemen Zone der Zweigruppenstruktur hinaus geht. Also muss man möglicherweise über Kontakte zu einer Vielfalt von anderen Gruppen fragen und dann muss man auch über die mehrfachen Identitäten der Person, mit der man interagiert, nachdenken. Z.B., interagiert man mit einer Person als Mann oder Frau, oder als ein Mitglied dieses oder jenes Herkunftslandes, oder als jemand, der einem etwas in einem Bazaar verkauft, oder interagiert man wirklich mit ihnen, indem man der Käufer und sie der Verkäufer sind innerhalb des Rahmens der Marktrollen? Also ich bin auf jeden Fall völlig überzeugt von der Idee, dass wir mehrfache Identitäten haben werden. Und diese werden eingeschaltet, wir würden sagen, sie erhalten situationsbedingt Bedeutung als eine Funktion dessen, was wir tun, wo wir es tun, mit wem wir es tun. Und natürlich ist der Schlüsselfaktor bei alldem, wer sonst noch anwesend ist und zu welchen Gruppen sie gehören.

Also das sind alle die Herausforderungen, die unsere Arbeit als Forscher sehr viel schwieriger machen, und besonders in unserem eigenen Projekt. Ich glaube, eine große Herausforderung dort, über die ich zur Zeit nicht genug weiss, aber über die ich mehr wissen muss, ist die Technik der Modelherstellung auf mehreren Niveaus. Es ist nicht mehr genug, einfach eine Stichprobe zu sammeln, egal wie groß die Stichprobe ist, und sie einfach zu analysieren. Wir müssen anfangen, nach den interessanten Untergruppen darin zu suchen. Wenn man Schulen betrachtet, z.B.: jede Schule sollte wahrgenommen werden, potentiell zumindest und statistisch durch Notwendigkeit, als eine eigene Mikrokultur oder „Kontext“ besitzend. Oder wenn man Klassen innerhalb der Schule betrachtet, wobei manche davon eine große Mischung, andere eine kleinere Mischung von Schülern haben, die unterschiedlichen Gruppen angehören, und zweifellos sind wir Individuen, die in bestimmten Kategorien verschachtelt sind, die wiederum in anderen Gruppen verschachtelt sind. Somit müssen wir unsere Expertise entwickeln, um methodologisch mit solchen Sachen umzugehen. Wie bei einer Idee wie „Intergruppenkontakt“, wofür ich mich besonders interessiere. Dort haben wir bis jetzt einen hauptsächlich dyadischen Ansatz gehabt. Also fragt man eine Person, ob er oder sie Grade von Kontakt hatten zu Mitgliedern einer anderen Gruppe. Aber ich glaube, die ganze Idee von Vielfalt wird das alles viel komplizierter machen. Viele Leute verbringen nun mehr Zeit damit, über Netzwerke zu sprechen, was wir traditionellerweise in der Sozialpsychologie nicht gemacht haben. Also müssen wir wieder neue Instrumente erkunden, um das zu tun.

P: Vielen Dank für das Gespräch.

übersetzt von Diana Aurisch


Academic citations

AMA:
Hewstone M. Interview on ‘diversity’. 2009 Available at: www.mmg.mpg.de/en/diversity-interviews/hewstone/. Accessed ###date###.

APA (6th edition):
Hewstone, M. (2009). Interview on ‘diversity’. Retrieved ###date###, from www.mmg.mpg.de/en/diversity-interviews/hewstone/

Chicago (16th edition):
Hewstone, Miles. 2009. 'Interview On ‘Diversity’' Sören Petermann. In person.
www.mmg.mpg.de/en/diversity-interviews/hewstone/ (accessed ###date###).

Harvard:
Hewstone, M. (2009). Interview on ‘diversity’. Available at: www.mmg.mpg.de/en/diversity-interviews/hewstone/ [Accessed ###date###].

MLA (7th edition):
Hewstone, Miles. 'Interview On ‘Diversity’'. 2009. in person. Accessed ###date###. www.mmg.mpg.de/en/diversity-interviews/hewstone/