Interview mit Manuel A. Vásquez (Florida)

Interview mit Manuel A. Vásquez (Florida), geführt von Monika Palmberger

Manuel A. Vásquez ist Associate Professor an der Universität Florida.

Weitere Informationen: http://web.religion.ufl.edu/faculty/vasquez.html


P: Professor Vasquez, es ist mir eine Freude, heute mit Ihnen ein Interview zum Thema Vielfalt zu führen. Wie Sie wissen steht „Vielfalt“ schon im Namen unseres Instituts und es ist auch unser Forschungsschwerpunkt, da wir Modalitäten oder Erscheinungsformen von Vielfalt empirisch und theoretisch untersuchen wollen. Wir führen diese kurzen Interviews, um einige Fragen zu klären, die wir zum Konzept Vielfalt haben.
Erstens möchte ich Sie fragen, was bedeutet „Vielfalt“ für Sie im Kontext Ihrer Arbeit und im Bereich Ihrer Fachkenntnis? Ich weiss, dass Sie viel zum Thema Einwanderung gemacht haben, besonders über Einwanderung von Latinos in die USA, und in ihrem Vortrag am letzten Mittwoch sprachen Sie von mehrfachen Schichten der Vielfalt. Also Vielfalt scheint ein Konzept zu sein, mit dem Sie auf die eine oder andere Art arbeiten.

V: Was halte ich von Vielfalt? Und wie komme ich zu diesem Konzept? Es gibt zwei Sorten von Rahmenbedingungen, die ich mir anschauen würde, um zu erklären, wie Vielfalt für mich in den Vordergrund tritt. Die erste befindet sich in der Religionswissenschaft, da ich in diesem Bereich trainiert wurde. Das Hauptkonzept, das bis in die späten 60er und sogar bis in die frühen 70er Jahre benutzt wurde, war das Konzept der „Weltreligionen“, und das war ein Konzept, das schon immer dafür kritisiert wurde, dass es Religionen vergegenständlicht. Der berühmte Gründer der Disziplin der Religion – „Religionswissenschaft“ – war Max Müller und sein berühmtes Motto war: „“Der, der eine kennt, kennt keine.“ Und hier war die Idee, dass Menschen als Experten trainiert werden, mit der Fähigkeit, Religionen vergleichend zu betrachten. Und das war ein Modell, dass sehr dominant war in den wichtigsten Schulen, die Leute bis in die 70er Jahre trainierten, in Chicago und Harvard. Das waren die Orte, wo religiöse Vielfalt die vergleichende Untersuchung von Religion bedeutete. Und es bedeutete die vergleichende Untersuchung auf eine sehr ahistorische Art und Weise. Die Grundannahme war, dass alle Religionen das gleiche Phänomen sind, dass, obwohl es Vielfalt in den Erscheinungsformen an der Oberfläche gibt, darunter das Wesen der Religion dasselbe ist. Das war Teil dieser ganzen ökumenischen Bewegung der 60er und 70er, die betonte, dass wir uns alle gut verstehen können und trotzdem Unterschiede erhalten können. Unterschied innerhalb Einheit – das war das Modell.
Meine Generation ist trainiert, dieses Modell mit grossem Misstrauen zu betrachten. Innerhalb der Religionswissenschaft betrachten wir das Konzept der Vielfalt mit Misstrauen, weil es eine ähnliche Last zu tragen scheint wie der Ansatz der Weltreligionen. Und somit hat es eine Tendenz gegeben zu lokalisieren. Man wird Experte für eine bestimmte Religion und man kann nicht annehmen, dass man etwas über andere Religionen weiss, das ist reduktiv. Wenn man keine lokalisierte Sichtweise annimmt, kann es dazu führen, dass man essentialisiert. Im Endeffekt dehistorisiert man dann möglicherweise Religionen. Man muss geschichtlich sehr tief gehen und muss für die bestimmte religiöse Realität sehr tiefgründige Ethnographien anfertigen, und dann stellt man das als seine Arbeit vor. Das ist Teil davon, wo ich in diesem Zusammenhang auftrete: Vielfalt als Skepsis gegenüber der großen Erzählung der vergleichenden Religionen.
Dann, der zweite Grund für das Misstrauen gegenüber dem Wort Vielfalt kommt aus der amerikanischen Erfahrung, welche dazu tendiert hat, Vielfalt mit etwas zu verbinden, was ich die „show and tell“ Mentalität nenne, welche ich in meinen Kindern beobachte, wenn sie zur Schule gehen. Meine Kinder haben einen „Tag der Multikulturalität“ – oder jetzt heisst es „Tag der Vielfalt“ oder „Messe der Vielfalt“ – in der Schule, wo ihnen ein Land als Aufgabe gegeben wird. Einer hat Indien, der andere hat Brasilien, und dann sollen sie über diese bestimmte Kultur und Sprache forschen. Und dann sollen sie reinkommen und das spielen. Also, es ist schmerzlose Vielfalt. Es ist eine glückliche Vielfalt: „Ist es nicht toll, dass Amerika all diese Vielfalt hat“, aber die Annahme, natürlich, ist, dass die USA eine bestimmte Art von Kernwerten besitzt, die jeder und jeder Amerikaner annehmen soll. Wenn man die nicht annimmt, darf man nicht beim Vielfaltsspiel mitspielen. Es ist ein Problem.
Also, von Anfang an bin ich dem Wort Vielfalt gegenüber misstraurisch. Jedoch bin ich der Meinung, dass, wenn das Wort Vielfalt umformuliert werden kann, um das miteinzuschliessen, was ich Andersartigkeit oder Alterität nennen würde, das heisst, dass Vielfalt nicht bedeutet, die Gemeinsamkeiten sofort zu finden, sondern die Eigenartigkeiten zu unterstreichen und die Tatsache, dass wir manchmal gemeinsame Räume teilen aber dass Kommunikation manchmal nicht möglich ist. Kommunikation mag manchmal schwierig sein, aber sie ist trotzdem nötig. Wenn Vielfalt bedeutet, systematisch zu versuchen, aus der eigenen Perspektive rauszukommen und Andersartigkeit zu verstehen oder wenigstens zu versuchen, die eigene Hand dem anderen entgegenzustrecken, der Überraschung des anderen gegenüber offen zu sein, dann gefällt mir dieses Konzept der Vielfalt. Das wäre das Konzept der Vielfalt, dem ich entgegenarbeiten würde.

P: Dann möchte ich Ihnen folgende Frage stellen: Ist Vielfalt nur ein Begriff des Zeitgeistes – Sie haben ja schon was dazu gesagt - oder ein Schlagwort der postmultikulturalistischen Politik, z.B. „Integrations- und Vielfaltspolitik“, ein Werkzeug der Unternehmensleitung wie in „Diversity Management“, oder kann es ein Konzept sein, dass zur Strukturierung und zum Fortschritt der sozialwissenschaftlichen Analyse beiträgt?

V: Warum muss es entweder das eine oder das andere sein? Ich glaube, es ist alle diese Sachen. Wenn ein Institut Vielfalt untersuchen möchte, muss es zuerst über die mehrfachen Bedeutungen von Vielfalt reflektieren. Und Vielfalt ist selbst ein kontroverser Begriff. Er kann, wie Sie angesprochen haben, von Firmen angeeignet werden...Benetton, z.B., spricht gerne über Vielfalt. „Diversity sells“, wie Roland Robertson, ein berühmter Soziologe, gesagt hat. Homogenität verkauft sich nicht mehr gut. Jeder will einzigartig sein, aber die Tatsache ist, da wir alle zu unterschiedlichen Graden globalisiert sind, reproduzieren wir am Ende manchmal die gleichen Skripte und die gleichen Praktiken, obwohl wir uns gerne vorstellen, dass wir uns von anderen unterscheiden. Also, ich glaube, Vielfalt ist alles der oben genannten Sachen. Aber das bedeutet nicht, dass die Kategorie Vielfalt nicht nützlich ist. Die Kategorie der Vielfalt kann trotzdem noch nützlich sein, solange wir uns bewusst sind, wann wir sie nutzen, wie wir sie nutzen, wer sie nutzt, und unter der Voraussetzung, dass wir das Diskursregime verstehen, in dem der Begriff benutzt wird. Und wir platzieren uns auf eine strategische Art und Weise, die uns erlaubt, diese Offenheit gegenüber Andersartigkeit zu maximisieren. Wenn wir Andersartigkeit gegenüber offen sind, wenn wir der Tatsache, dass wir begrenzt sind und parteiisch sind, gegenüber offen sind, dass wir Wesen in bestimmten Körpern und an bestimmten Orten sind und erkennen, dass unsere Sichtweisen daher per Definition parteiisch sind und dass es andere Perspektiven gibt, dann finde ich es ein sehr nützliches Werkzeug.

P: Wie Sie wahrscheinlich schon gehört haben, versucht unser Institut, Forschung zu unternehmen, die die Breite spannt zwischen zeitgenössischen Einwanderungsgesellschaften und lange bestehenden multiethnischen und multireligiösen Gesellschaften, wie Südafrika, Indien, Malaysia. In dieser überbrückenden Forschung sehen wir sowohl die Originalität wie auch die Herausforderung für unser Institut. Deshalb bin ich daran interessiert zu wissen, ob Sie das Konzept der „Vielfalt“ dieses Programm gestalten oder nicht gestalten sehen?

V: Wenn Vielfalt einem erlaubt, die Brüche und Kontinuitäten über Zeit und über Räume zu verfolgen auf eine Art und Weise die man nicht...In den modernen Sozialwissenschaften ist unvermeidbar, dass, wenn man vergleicht, man das eine auf das andere reduziert. Frühe sozialwissenschaftliche Ansätze opererierten hauptsächlich durch ein dichotomes Verständnis von Sachen. Es gab Gemeinschaft und Gesellschaft, oder kalte Gesellschaften im Gegensatz zu heissen Gesellschaften, oder organische Solidarität im Gegensatz zu mechanischer Solidarität. Das war die dichotome Art, auf der wir dazu tendierten, diachrone Prozesse, historische Prozesse zu verstehen. Vielfalt sollte nicht als teleologisches Mittel benutzt werden, welches eine fortschreitende Entwicklung von homogenen, nicht vielfältigen Gesellschaften zu Gesellschaften, die zunehmend vielfältig und komplex sind, postuliert. Ich glaube, Vielfalt als Teil einer evolutionären, linearen Bewegung, die die USA und Westeuropa als Endpunkte priviligiert, zu betrachten, wird sehr begrenzt sein und diese Sichtweise wird hauptsächlich dieselben Vorurteile wiederholen, die die Sozialwissenschaften während des ganzen 20. Jahrhunderts hatten.
Nun, wenn Vielfalt genutzt wird, um Möglichkeiten, wie die Gegenwart heutzutage organisiert ist, hervorzuheben, wie kam es, dass die Gegenwart so ist? Hätte es anders sein können? Und warum ist es so wie es ist? Wieso hat es sich in dieser Form stabilisiert? Wenn Vielfalt einem erlaubt, die Gegenwart zu zerteilen und die unzähligen Identitätskämpfe und Kämpfe für Raum und für Land und Ressourcen zu zeigen, und auch wie es Zusammenschlüsse gegeben hat, weil das die andere wichtige Sache ist. Vielfalt enthält nicht nur Spannung sondern es geht auch um gegenseitige Befruchtung. Unterschiedliche Kulturen, Rassenzusammensetzungen, und Religionen sind auch ständig dabei zu interagieren, wenn sie einander begegnen. Somit haben wir dialektische Reinheit und Hybridität. Wenn Vielfalt einem helfen kann, diese zwei Phänomene hervorzuheben, dann finde ich es ein tolles, nützliches Konzept, aber ich glaube, wenn ihr eure Leitlinie und Philosophie festsetzt, müsst ihr sichergehen, dass ihr immer wieder über diesen Begriff reflektiert. Aber ich finde ihn nützlich. Ich finde es immer noch sehr nützlich, sowohl das Historische wie auch die Gegenwart zu betrachten.
Ein Problem innerhalb der Einwanderungsliteratur ist, dass sie dazu tendiert, sehr, was ich gegenwartsbezogen nenne, zu sein. Sie tendiert dazu, sich auf die Brüche zu konzentrieren. Die Annahme ist, das dass, was heute los ist, sehr anders ist als frühere Immigration aufgrund der Globalisierung und wegen neuer Fortschritte in der Kommunikations- und Transporttechnologien. Oft wird angenommen, dass Transnationalismus etwas völlig Neues ist. Das stimmt nicht. Ich glaube, das Brilliante an eurem Ansatz ist, dass ihr euch nicht nur heutige Immigration isoliert anschaut, sondern dass ihr Immigration als Teil eines Prozesses der Aushandlung anschaut, als Teil der Politik der Unterschiede innerhalb der Aushandlung von Identität, welche ein andauernder Prozess durch die Zivilisationen hindurch gewesen ist. Man kann das bis nach Rom zurück verfolgen. Man kann den ganzen Weg zurück.....das ganze Wort Synkretismus, welches ein sehr kontroverses Wort innerhalb der Religionswissenschaft ist, wenn man z.B. von einer sehr multikulturellen Gesellschaft oder einer sehr vielfältigen Gesellschaft wie Brasilien spricht, dann spricht man über synkretische Religionen wie Candomblé or Umbanda. Aber das Wort, die Herkunft des Wortes Synkretismus geht zurück auf Kreta, zurück auf diesen Treffpunkt an dem all diese mediterranen und afrikanischen Zivilisationen zusammenkamen. Wenn man so einen longue-durée Ansatz nehmen kann, einen Ansatz, der die Verbindungsstellen und die Bruchpunkte betont und der das Neue nicht als das wirklich Neue fetishisiert, dann finde ich ist das ein sehr nützlicher Begriff.

P: Genau das hoffen wir zu tun. Die letzte Frage, die ich heute mit Ihnen besprechen möchte, ist folgende: Was sind heutzutage einige der empirischen, theoretischen und/oder methodologischen Hauptherausforderungen, die der Vielfaltsforschung gegenüberstehen?

V: Zurück zu dem Punkt, an dem wir mit der Besprechung der Weltreligionen angefangen haben. Unsere Vorfahren in der Untersuchung der Religion neigten dazu, Religion zu essentialisieren. Also eine richtige Herausforderung, der wir heute in unserer eigenen Studie gegenüberstehen und die wir heute besprechen, ist diese Idee darüber, wie man Religion als aktiven Agenten der Vielfaltsbildung, der gegenseitigen Befruchtung und manchmal der Unterdrückung und der Ausschaltung von Unterschied, in Betracht zieht, ohne Religion wieder als etwas zu betrachten, dass außerhalb von anderen gesellschaftlichen Prozessen existiert. Wie untersucht man Religion, ohne reduktiv zu sein und indem man die dynamische kreative Macht der Religion und die Tatsache, dass Religion für einen grossen Teil der Weltbevölkerung von grosser Bedeutung ist, anerkennt?
Eine Herausforderung ist, nicht in eine These des Kampfs der Kulturen hereinzufallen, wie Huntington, der sagte, also Religion und Kultur werden Unterschied und kollektive Identität bestimmen. Laut seiner These haben wir diese vielfältigen globalen Zivilisationen, die miteinander im Wettkampf stehen, und darunter befinden sich der Islam und das Christentum in einem besonders heftigen geopolitischen Kampf. Wir müssen eingestehen, dass es Spannungen gibt und wie man anerkennt, dass es Missverständnisse und Konflikte und Spannungen gibt, ohne zu essentialiseren – und dass Religion bei diesen Unterschieden eine Hauptrolle spielt – ohne die Kategorie der Religion zu essentialisieren und zu sagen, tja, hier ist das Christentum und hier ist der Islam und diese zwei Sachen sind unvereinbar, und deshalb kämpfen sie gegeneinander an den Orten, wo sie einander brauchen, z.B. in Afrika. In Nigerien kann man sehen, wie sie gegeneinander reiben und Konflikt kreeiren. Aus meiner Sicht als Religionswissenschaftler ist das eine sehr grosse Herausforderung.

P: Ja ich stimme Ihnen zu, dass wir in dieser Hinsicht sehr vorsichtig sein müssen. Wir müssen aufpassen, dass unsere Forschung nicht falsch verstanden wird und missbraucht wird, um Thesen wie die des Kampfes der Kulturen zuzustimmen.

V: Ich hoffe, das war hilfreich.

P: Es war sehr hilfreich! Vielen Dank, Professor Vasquez.

übersetzt von Diana Aurisch

 

Academic citations

AMA:
Vásquez M.A. Interview on ‘diversity’. 2009 Available at: www.mmg.mpg.de/en/diversity-interviews/vasquez/. Accessed ###date###.

APA (6th edition):
Vásquez, M.A. (2009). Interview on ‘diversity’. Retrieved ###date###, from www.mmg.mpg.de/en/diversity-interviews/vasquez/

Chicago (16th edition):
Vásquez, Manuel A. 2009. 'Interview On ‘Diversity’' Monika Palmberger. In person.
www.mmg.mpg.de/en/diversity-interviews/vasquez/ (accessed ###date###).

Harvard:
Vásquez, M.A. (2009). Interview on ‘diversity’. Available at: www.mmg.mpg.de/en/diversity-interviews/vasquez/ [Accessed ###date###].

MLA (7th edition):
Vásquez, Manuel A. 'Interview On ‘Diversity’'. 2009. in person. Accessed ###date###. www.mmg.mpg.de/en/diversity-interviews/vasquez/