Interview mit Robin Cohen (Oxford)

Interview mit Robin Cohen (Oxford), geführt von Magdalena Nowicka

Robin Cohen ist Professor für Development Studies und Forschungsgruppenleiter am International Migration Institute, University of Oxford.

Weitere Informationen: http://www.imi.ox.ac.uk/about-us/people/robin-cohen


N: Was bedeutet „Vielfalt“ für Sie im Kontext Ihrer Arbeit und im Bereich Ihrer Fachkenntnis?

C: Ich nutze es wohl nicht sehr tiefgründig. Ich nutze es eher informell. Ich interessiere mich für mehrere Aspekte von Vielfalt. Zur Zeit interessiere ich mich sehr für das Thema der Überwindung von Vielfalt und ich arbeite zu und um das Thema Kreolisierung. Das bedeutet, zwei oder mehrere Elternkulturen anzuschauen, die in ihren Ursprüngen vielfältig sind, die aber zusammenkommen und eine neue Kultur schaffen, neue weit verbreitete Praktiken, neue alltägliche Praktiken, und dieser Ausdruck der Kreolisierung, in einem Sinne, ist eine Art, so wie ich ihn verstehe, der Überwindung der Vielfalt. Aber mehr generell gesehen glaube ich, dass der Begriff schon die Komplexität zum Ausdruck bringt, die aus zeitgenössischen weltweiten Migrationsmustern entsteht.

N: Ist Vielfalt nur ein Begriff des Zeitgeistes, ein Schlagwort der postmultikulturalistischen Politik, z.B. „Integrations- und Vielfaltspolitik“, ein Werkzeug der Unternehmensleitung wie in „Diversity Management“, oder kann es ein Konzept sein, dass zur Strukturierung und zum Fortschritt der sozialwissenschaftlichen Analyse beiträgt?

C: Ich glaube, zu einem gewissen Grad ist es ein Begriff, der als Ersatz für Multikulturalismus oder sogar für mehr-gläubig oder sogar für Pluralismus benutzt wurde. Alle diese Begriffe drücken in der Tat aus, dass Bevölkerungsgruppen, Ethnizitäten, religiöse Gruppen, linguistische Gruppen, mit unterschiedlichen Herkünften, mit komplexen Hintergründen, zusammengekommen sind oder durch bestimmte Bedingungen zusammengezwungen wurden. Und auf einer Art und Weise, denke ich, ist es die Ernüchterung über die Idee des Multikulturalismus, die das Bedürfnis für einen Alternativbegriff geweckt hat, und Vielfalt ist in diesem Rahmen als eine der Hauptwege erschienen, um die Komplexität, die ich angesprochen habe, zu verstehen.

Sie haben auch von Vielfalt als Managementinstrument in Firmen gesprochen. Ich glaube, es ist wahr, dass es in Regierungen auf lokaler Ebene, in Regierungen auf Länderebene, in der öffentlichen Ordnung und in privaten Firmen einen Modezyklus gibt hinsichtlich dieser Begriffe, und dass sie aufgenommen und schnell verworfen werden, wenn sie nicht mehr modisch oder nützlich sind. Genauer gesagt, das Problem oder das empfundene Problem mit Multikulturalismus war, dass wir irgendwie Unterschiede endlos fortsetzten, um einen Wert aus Unterschiedlichkeit zu machen, während Vielfalt dieses Problem scheinbar nicht hat. Was es eher zu bieten scheint, ist, dass Menschen vielfältig sein können und dass man ihre vielfältigen Bedürfnisse, Praktiken, Hintergründe, Kulturen und im wirtschaftlichen Bereich ihre vielfältigen Konsumwünsche mit einbeziehen muss, aber das Argument, das dabei implizit ist, ist, dass unter dieser Vielfalt eine Art von Einheit möglich ist, dass ein Grad von Konsens erreicht werden kann. Also ich denke, dass der wirtschaftliche Sektor vielleicht etwas ungelenk dabei ist, etwas mehr offensichtlich, etwas mehr naiv, wenn er solche Aussagen macht, aber er unterscheidet sich nicht in.... Der Unterschied zu der Art, in der der Begriff anderswo benutzt wird, liegt nur in der Betonung.

Nun fragen Sie, „Kann es sein?“, „Ist es möglich, Vielfalt als die Grundlage für sozialwissenschaftliches Verständnis zu nutzen?“, und ich denke, die Antwort ist „ja“, aber mit einer Voraussetzung, und ich denke, die Voraussetzung ist, dass, wie mit allen Begriffen, die ungenau oder normativ geladen sind, man das, was man mit dem Ausdruck meint, qualifziern muss, wenn man seine Arbeit anfängt, oder dass man ein strategisches Adjektiv einsetzt. Also man redet von religiöser Vielfalt, kultureller Vielfalt, gesellschaftlicher Vielfalt, politischer Vielfalt, oder man gibt eine etwas längere Erklärung ab, „Unter Vielfalt verstehe ich...“, bevor man wirklich seine Untersuchung beginnt. Also ich denke, es gibt kein absolutes Verbot oder keine Unterbindung der Nutzung von Vielfalt. Wieso nicht? Aber die Benutzung benötigt eine Qualifzierung oder Definierung.

N: Am MPI-MMG versuchen wir, Forschungsprogramme und Theorie zu entwicklen, die die Breite spannen zwischen zeitgenössischen Einwanderungsgesellschaften, besonders in Europa, und lange bestehenden multiethnischen und multireligiösen Gesellschaften, wie Südafrika, Indien, Malaysia. Wie sehen Sie das Konzept der „Vielfalt“ dieses Programm gestalten – oder nicht gestalten?

C: Im Fall von Europa würde ich sagen, dass es schon ein wichtiger Weg wird, das Programm zu gestalten. Ich meine, worauf Sie schon hingewiesen haben, es wird im Wirtschaftssektor angenommen. Es wurde schon in sozialwissenschaftlichen und Public Policy Kreisen angenommen. Und daher besteht im europäischen Kontext eine sehr große Anerkennung von Vielfalt, der Tatsache der Vielfalt und des Bedürfnisses für Vielfaltsstudien. Und in anderen Ländern, die Sie angesprochen haben – ich glaube, Sie sprachen von Indien, Südafrika und...was war das dritte Land?

N: Malaysia.

C: ... und Malaysia. Natürlich sind das Länder, die, wenn Sie möchten, grundsätzlich vielfältig sind. Sie setzen sich zusammen aus, im Fall von Indien, mehreren Gruppen, in Bezug auf Religion aus mindestens drei sehr großen religiösen Gruppen, aber auch aus vielen vielen anderen, die innerhalb der riesigen Bevölkerung in Indien immer noch sehr bedeutende Minderheiten sind, und aus Kastenmerkmalen und auch regionalen Unterscheidungsmerkmalen, und zu einem gewissen Grad natürlich mit Einwanderung usw, aus ethnischen Unterscheidungsmerkmalen, die bedeutender sind als Kastenmerkmale. Und das ist auch in Malaysien und Südafrika der Fall. Also wenn Sie möchten, diese Gesellschaften wurden früher, unter dem alten Ausdruck, plurale Gesellschaften genannt, die ethnisch heterogen sind und wo das lange anerkannt war.

Ich glaube, meine Zweifel in diesen Fällen sind, ob das Wort Vielfalt und besonders zwei schon existierende Untersuchungen über ethnische Heterogenität... Ich denke, im Fall von Südafrika tut es das und es ist ein Argument, das ich früher in einem öffentlichen Forum präsentiert habe und das ich nun auf dem Band wiederhole, nämlich zu sagen, dass ich denke, es gibt eine alte Vielfalt, eine Vielfalt, die die Apartheidregierung versucht hat, zu begrenzen und zu organisieren und zu gestalten durch ihre Aufteilung der Bevölkerung in vier oder fünf ethnische Großgruppen. Natürlich waren diese Gruppen sehr künstlich und sehr gezwungen, aber ich glaube, es ist richtig, das Wort Vielfalt als eine neue Vielfalt in der Nachapartheidzeit zu benutzen, weil die Gesellschaft sich so dramatisch verändert hat. Tourismus, zum Beispiel, hat über und über zugenommen. Es gibt Masseneinwanderung aus den Nachbarländern, ich denke besonders an Zimbabwe, aber wir könnten auch Mosambik und Botswana und andere Länder dazunennen. Natürlich wurde ein Teil dieser Migration in der Apartheidzeit akzeptiert, obwohl sehr streng kontrolliert. Zum Beispiel hat mosambikische Migration zu den Minen lange existiert. Aber ich glaube, das hier ist etwas anders. Man zieht, oder Südafrika zieht hohe Anzahlen von Menschen mit vielfältigen afrikanischen Herkünften oder von sehr weit weg ein. Jetzt ist es sehr gewöhnlich, Somalier, Zairaner, Nigerianer, Menschen von der Elfenbeinküste, Kamerooner usw, in Johannesburg zu finden, was wirklich nicht sehr...in der Apartheidzeit sehr unbekannt war und wirklich nicht passierte. Also das ist eine große Veränderung in der ethnischen Zusammensetzung, in der demographischen Zusammensetzung Südafrikas, und es ist hilfreich, einen Weg zu finden, das zum Ausdruck zu bringen und ich glaube, neue Vielfalt umfasst das sehr gut.

N: Nun die letzte Frage. Aus Ihrer Perspektive, was sind heutzutage einige der empirischen, theoretischen und/oder methodologischen Hauptherausforderungen, die der Vielfaltsforschung gegenüberstehen?

C: Ich glaube, empirisch gesehen ist das Hauptanliegen: Ich würde sagen – obwohl ich selbst kein quantitativer Soziologe bin – ich würde sagen, dass die Art von Arbeit, die von Miles Hewstone und anderen vertreten wird, der Ansatz der Zukunft sein wird. Das heisst, ich glaube, wir brauchen einen Weg, um diese Thesen in einen mehr kausalen und sozialwissenschaftlichen Rahmen zu bringen. Natürlich besteht das Bedürfnis für Beschreibung und Ethnographie und für üppige Beschreibung, für dichte Beschreibung, um die Sprache von Geertz zu nutzen. Aber ich glaube, wir müssen auch darüber hinaus gehen. Wir müssen bestimmte Aspekte der Kausalbeziehungen kennen. Ist Kontakt konfliktfördernd oder konfliktreduzierend oder toleranzschaffend? Ich meine, unter welchen Umständen werden diese Alternativen aktiv? Ich bin überzeugt, dass wir uns produktiv an die mehr quantitative Arbeit unserer Kollegen in der Sozialpsychologie, in der quantitativen Soziologie, in der Demographie und anderswo wenden können, um uns dabei zu helfen, manche dieser Fragen mehr bahnbrechend zu gestalten. Auf der theoretischen Ebene, würde ich es, glaube ich, eher so sehen, dass Begriffe wie Vielfalt genügend ungenau sind, um hilfreich zu sein, aber die Ungenauigkeit bedeutet, dass wir alle paar Jahre die Begriffe neu definieren müssen oder in manchen Fällen ersetzen müssen, weil sie ihre Nützlichkeit verloren haben, zu banal geworden sind, zu offensichtlich, und wir müssen das, was wir mit Vielfalt ausdrücken wollen, neu zusammensetzen, vielleicht indem wir es neu gestalten. Ich glaube, es besteht ein konzeptueller brausender Strom, der schwierig ist, denke ich, weil wir uns nicht einfach danach bewegen wollen, was Mode ist. Das scheint eine sehr oberflächliche Art zu sein, voranzugehen, aber gleichzeitig glaube ich, dass wir erkennen müssen, dass Begriffe zu gewissen Zeitpunkten ihre Erklärungsmacht verlieren, weil sie für andere Zwecke mobilisiert wurden. Sie sind in ihren Bedeutungen zu ungenau geworden und dann müssen wir einen neuen Begriff mobiliseren, wobei wir sehr oft über fast genau das gleiche Phänomen sprechen, aber ein neues Vokabular benutzen, um dieses Phänomen zu erfassen.

N: Vielen Dank für das Gespräch.


übersetzt von Diana Aurisch