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#MeTwo – und die Frage, was sozialen Aufstieg in der deutschen Einwanderungsgesellschaft so schwer macht

Christine Lang, Jens Schneider, Andreas Pott • December 2018


Vermutlich wurde in Deutschland noch nie so offen über Rassismus und Diskriminierung diskutiert wie in den vergangenen Monaten. Mesut Özil verkündete seinen Rücktritt aus der deutschen Fußballnationalmannschaft und beklagte Rassismus vonseiten des DFB. Daraufhin wurde auf Twitter der Hashtag #MeTwo ins Leben gerufen, unter dem seitdem – in Anlehnung an die #MeToo-Debatte zu sexualisierten Übergriffen gegenüber Frauen – zehntausende Menschen mit familiärer Einwanderungsgeschichte oder dunklerer Hautfarbe ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus geteilt haben. Etablierte Medien griffen das Thema auf und Politiker*innen zeigten sich solidarisch.

Auffällig ist, wie viele der Beiträge auf Twitter von Erfahrungen aus der Schule handeln. Sie schildern Stigmatisierung, stereotype und sogar offen rassistische Kommentare von Lehrkräften. Viele Beteiligte berichten auch von eher struktureller Benachteiligung, z.B., dass ihnen aufgrund des ‚Migrationshintergrunds‘ und trotz guter Noten nicht zugetraut wurde, das Gymnasium zu besuchen, sondern sie stattdessen eine Empfehlung für die Real- oder Hauptschule bekamen. Die geschilderten Erfahrungen und ihre große Zahl werfen ein Licht auf die besonderen Widerstände, mit denen Kinder aus Einwandererfamilien auf ihrem Bildungsweg konfrontiert sein können – Widerstände, die Bildungserfolg und sozialen Aufstieg behindern, wenn nicht gar verhindern.

Die Erzählungen bestätigen Ergebnisse unserer Studie zu sozialem Aufstieg bei Einwandererkindern. Sie wurde kürzlich veröffentlicht unter dem Titel „Erfolg nicht vorgesehen: Sozialer Aufstieg in der Einwanderungsgesellschaft – und was ihn so schwer macht“[1]. In der Studie befragten wir 75 Personen, deren Eltern aus der Türkei eingewandert waren und nur geringe formale Bildung hatten, und die selbst mittlerweile verantwortungsvolle berufliche Positionen erreicht hatten: als Jurist*innen, als Lehrkräfte, in der freien Wirtschaft und in der öffentlichen Verwaltung. Die Interviews führten wir in Berlin, Frankfurt am Main und in mehreren Städten im Ruhrgebiet durch. Die Studie beschäftigt sich vor allem mit den Wegen, auf denen unsere Befragten durch das deutsche Bildungssystem ‚navigierten‘ und die sie in berufliche Positionen führten, in denen ein ‚Migrationshintergrund‘ immer noch alles andere als selbstverständlich ist. Um herauszufinden, inwiefern die Hürden, die im Zuge der Aufstiegskarrieren überwunden werden mussten, und die Faktoren, die den Erfolg möglich machten, mit dem ‚Migrationshintergrund‘ zusammenhängen oder schichtbedingt sind, befragten wir auch eine Vergleichsgruppe von Personen ohne familiäre Migrationsgeschichte, die ebenfalls aus Arbeiterfamilien stammend ähnliche berufliche Positionen erreicht hatten.

Wir stellten fest, dass insbesondere die Schule einen entscheidenden Einfluss darauf hat, ob ein Aufstiegsweg gelingt oder scheitert. Es beginnt schon mit dem Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule: Mehr als die Hälfte unserer Befragten, die später das Abitur erreichten und studierten, hatte keine Gymnasialempfehlung bekommen. Nicht selten wurde der Besuch einer höheren Schulform gegen die Empfehlung der Grundschule durch die Eltern oder andere Schlüsselpersonen durchgesetzt. Von einem förderlichen Schulumfeld berichten nur wenige Befragte. Sehr häufig waren dagegen Erfahrungen von Stigmatisierung, abwertenden Kommentaren und teilweise auch offener Diskriminierung, die unseren Befragten oft besonders prägend und präsent in der Erinnerung geblieben sind. Dass sie die Schullaufbahn dennoch erfolgreich absolvierten, lag zum einen daran, dass viele das Glück hatten, an entscheidender Stelle eine Schlüsselperson anzutreffen oder zur Verfügung zu haben, von besonders engagierten Lehrkräften bis zu Familienmitgliedern (nicht selten auch ältere Geschwister), deutschen Nachbar*innen und Eltern von Freund*innen. Zum anderen lässt es sich auf besondere Begabungen und starke Persönlichkeiten der Befragten zurückführen, die sich von Barrieren und Rückschlägen nicht beirren ließen. Außerdem hatten die allermeisten den emotionalen Rückhalt der Eltern, die zwar in den seltensten Fällen fachlich helfen konnten, aber sich wünschten, dass die Kinder erfolgreich werden. All diese Faktoren leisteten die Unterstützung, die in der Schule institutionell nicht vorgesehen war. Die Bildungserfolge wurden im Grunde weniger durch als gegen die Institution Schule erreicht.

Der Bildungserfolg ist die erste und eine der zentralen Hürden und Voraussetzungen auch für den weiteren Werdegang. Für den Zugang in die Berufswelt und den Verlauf von Berufskarrieren spielen zudem die institutionellen Gegebenheiten der jeweiligen Berufskontexte eine wesentliche Rolle. Sie können sich förderlicher oder hinderlicher auswirken. Relativ unproblematisch waren bei unseren Befragten die Übergänge in die erste berufliche Stelle, wenn sie bereits zuvor Kontakte zu möglichen Arbeitgeber*innen knüpfen konnten, etwa in dualen Studien- und Ausbildungsgängen, über Praktika oder – bei Jura und Lehramt – im Referendariat. Dies führte häufig zu einem Angebot für eine reguläre Stelle, in der Regel beim selben Arbeitgeber. Hilfreich war, wenn solche Praxiskontakte schon im Studium vorgesehen waren und vermittelt wurden, denn hierfür konnte kaum auf Unterstützung oder Netzwerke aus dem Familien- oder Bekanntenkreis zurückgegriffen werden. Dagegen berichten diejenigen, die sich frei auf ausgeschriebene Stellen bewarben, öfter von langen, erfolglosen Bewerbungsphasen und vom Gefühl, dass sie mit ihrem türkischen Namen geringere Chancen hatten, für ein Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Das gilt insbesondere für die freie Wirtschaft. Solche Erfahrungen führten teilweise dazu, dass sich die Befragten beruflich umorientierten und sich z.B. selbstständig machten oder für den Quereinstieg ins Lehramt entschieden, das mehr berufliche Sicherheit versprach.

Das ist bei den bei den stärker formalisierten Übergängen in den Bereichen Jura und Lehramt anders. Aber auch hier ist das ‚meritokratische Prinzip‘, das stark auf den Examensnoten aufbaut, nicht ‚blind‘ für soziale und ‚ethnische‘ Unterschiede. Erreicht man z.B. in Jura ein ‚Prädikatsexamen‘, stehen in der Tat viele Wege offen und das Risiko, aufgrund eines türkischen Namens diskriminiert zu werden, ist geringer. Aber die Chancen, ein ‚Prädikatsexamen‘ zu erreichen, sind für Kinder aus Einwanderer- und Arbeiterfamilien nicht genauso groß und von ihrem Talent abhängig wie bei Kindern aus ‚deutschen‘ Mittelschichtsfamilien: Nicht nur wirkt strukturelle Benachteiligung im Studium weiter, zudem sind insbesondere die mündlichen Prüfungen keine sozial neutralen Situationen, auch hier berichten Befragte von diskriminierenden Erlebnissen. Die Meritokratie hat also blinde Flecken.

Die Erfahrung, als Kind von Eingewanderten aus der Türkei in Deutschland aufzuwachsen und den sozialen Aufstieg zu schaffen, hat einen Einfluss auf Identitätskonstruktionen und Zugehörigkeitsgefühle. Auf der einen Seite fühlt sich die überwiegende Mehrheit unserer Befragten selbstverständlich als ein Teil der deutschen Gesellschaft und zugleich auch dem Herkunftsland und der Kultur der Eltern verbunden. Sie bewegen sich problemlos nicht nur zwischen unterschiedlichen kulturellen Kontexten, sondern auch zwischen unterschiedlichen sozialen Milieus: dem türkeistämmigen Arbeitermilieu der Elterngeneration und den noch vorwiegend ‚deutsch‘ geprägten beruflichen Milieus, in die sie ihre Aufstiegswege geführt haben. Auf der anderen Seite wird ihnen jedoch weiterhin regelmäßig im Alltag ebenso wie im politischen und medialen Diskurs signalisiert, dass sie nicht mit derselben Selbstverständlichkeit als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft anerkannt werden. Selbst ihr unbestreitbar erfolgreicher Werdegang – ihr ‚Beleg für erfolgreiche Integration‘ – bewahrt sie nicht davor, als Mensch ‚mit Migrationshintergrund‘ oder ‚kulturell Anders‘ stigmatisiert und abgewertet zu werden. Im Kontext dieser mächtigen Fremdzuschreibungen bleibt das Gefühl der Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft eine prekäre Angelegenheit.

Die ‚sozial mobilen‘ Kinder aus Einwandererfamilien sind zugleich jedoch wichtige Akteure eines noch wenig beachteten gesellschaftlichen Wandels. Ihre Werdegänge stellen bestehende Machtverhältnisse infrage, indem sie Ungleichheitsstrukturen aufdecken und zeigen, dass soziale Grenzen überwunden werden können. Ihre zunehmende Sichtbarkeit in Verantwortungspositionen irritiert althergebrachte ethno-nationale Vorstellungen von ‚Deutschsein‘. Nicht zuletzt die #MeTwo-Debatte, die von Kindern von Eingewanderten initiiert und getragen wurde, verdeutlicht die wichtige Rolle dieser Akteure in der Gestaltung der pluralen Migrationsgesellschaft, in der soziale Aufstiege von Einwandererkindern zukünftig hoffentlich weniger unwahrscheinlich sein werden.

 

 


[1] Christine Lang, Andreas Pott, Jens Schneider (2018), Erfolg nicht vorgesehen: Sozialer Aufstieg in der Einwanderungsgesellschaft – und was ihn so schwer macht, Münster: Waxmann.