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Du bist nicht #vonhier, oder? Kommentar zur aktuellen „Heimat“- und „Herkunfts“debatte

Miriam Schader • March 2019


„Heimat Deutschland – nur für Deutsche oder offen für alle?“ fragte Frank Plasberg in seiner Sendung am vergangenen Montag ebenso polemisch wie ungeschickt – oder, mutmaßlich, schlicht berechnend und auf größtmögliche Resonanz zielend. Entsprechend deutlich fielen die Reaktionen in den sozialen und klassischen Medien aus, von scharfer Kritik bis zum erwartbaren und in Kauf genommenen Beifall seitens der (extremen) Rechten.

Die wohl interessantesten Reaktionen lassen sich jedoch unter dem Hashtag #vonhier auf twitter beobachten. Ausgehend von einem Beitrag der Journalistin Ferda Ataman auf Spiegel Online (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/herkunft-und-die-frage-wo-kommst-du-her-ethnischer-ordnungsfimmel-a-1254602.html) und durch die Plasberg-Sendung befördert, wird dort derzeit intensiv über die Frage der Bedeutung von „Herkunft“, „Wurzeln“ und „Heimat“ diskutiert.

Zunächst war Ferda Atamans Beitrag „Der ethnische Ordnungsfimmel“, in dem sie unter anderem ihre Erfahrungen mit Fragen nach der vermeintlichen „Herkunft“ beschreibt und eine Fixierung auf ethnische und kulturelle „Wurzeln“ kritisiert, eine Replik auf einen Vorfall letzten November. Damals ließ der Casting-Showmaster Dieter Bohlen die Antwort eines fünfjährigen Kindes, das in seiner Sendung mit einem thailändischen Tanz aufgetreten war, auf die Frage nach seiner Herkunft – „aus Herne“ – nicht gelten, sondern fragte weiter nach, woher seine Eltern seien, woher die Familie „gebürtig“ käme. Im Februar twitterte der Journalist Malcolm Ohanwe das Video und kritisierte Bohlen für das mehrfache Nachfragen: „Dieter Bruder, sie hat Dir drei mal [sic] gesagt dass sie aus Herne ist und du überforderst das Mädel mit der Einwanderungsgeschichte ihrer Großeltern.“ (https://twitter.com/MalcolmMusic/status/1097438488696406017). Ohanwes Kritik wurde von vielen aufgenommen; richtig in Fahrt kam die Debatte auf twitter nach Erscheinen von Atamans Spiegel Online-Beitrag (für eine Chronologie s. auch https://www.jetzt.de/politik/chronologie-der-vonhier-diskussion-um-heimat). Immer mehr Menschen mit und ohne eigene Migrationserfahrung berichten dort von der „verbalen Ausbürgerung“, wie Ferda Ataman es nennt, durch die Frage, woher man komme (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/herkunft-und-die-frage-wo-kommst-du-her-ethnischer-ordnungsfimmel-a-1254602.html).

Doch worum geht es bei dieser Debatte? Im Grunde verweisen sowohl die Frage nach der „Offenheit“ der „Heimat Deutschland“ als auch die #vonhier-Diskussionsbeiträge auf twitter auf die Grundlagen von Zugehörigkeit in einer pluralen Gesellschaft. In der Debatte mischen sich Fragen und Auseinandersetzungen, die sich auf unterschiedliche Dimensionen einer vielfältigen Gesellschaft beziehen.

Der Begriff „Deutsche“ verweist zunächst auf die Staatsbürgerschaft, mit der bestimmte politische und soziale Rechte verbunden sind. Doch darum geht es hier wenig. Die Antwort wäre ja auch klar und einfach: Wer die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, ist Deutsche*r, egal, woher die Person oder (ein Teil ihrer) Familie zugewandert sein könnte. Bei „Heimat Deutschland“ geht es jedoch weniger um die formale Staatsangehörigkeit, sondern um Identifikation und, das suggeriert der zweite Teil des Titels, um das Recht, sich mit Deutschland oder dem Deutschsein zu identifizieren. Hinter der Formulierung „nur für Deutsche oder offen für alle“ steckt die Annahme oder Behauptung, man könne diskutieren und letzten Endes auch darüber entscheiden, für wen Deutschland eine „Heimat“ sei bzw. sein könne.

Nun gibt es für „Heimat“ viele Definitionen, der Begriff ist ein schillernder und schwieriger. Menschen finden Heimat an einem oder mehreren Orten, in sozialen Beziehungen, Gruppen, Organisationen, in einer oder mehreren Sprachen… Insofern lässt sich die persönliche Heimat sicher so begreifen, dass „Andere“ nicht dazugehören – wer in seinem Dorf, seiner Religion, seiner Muttersprache beheimatet ist, mag beanspruchen, dass Menschen aus der Nachbarstadt, Andersgläubige, der Sprache nicht Mächtige nicht Teil dieser Heimat seien. Entscheiden, ob diese, wie auch immer definierten, Anderen das auch so sehen und ihre Heimat entsprechend anderswo verorten, kann man nicht. Insofern läuft die Frage nach der „Offenheit“ der Heimat – eigentlich – ins Leere.

Mit ihrer Frage bietet die „Hart aber fair“-Redaktion jedoch genau dem Raum, was unter #vonhier kritisiert wird. Sie suggeriert, dass eben doch entschieden werden könne, wer „Deutschland“ „Heimat“ nennen dürfe. Nur, wenn man davon ausgeht, dass nicht alle Menschen, die hier leben, Deutschland als ihre Heimat empfinden können oder dürfen, ergibt die Frage inhaltlich überhaupt Sinn. Dabei knüpft die Frage – und auch Teile der eigentlichen Sendung – an den „ethnischen Ordnungsfimmel“ an, den Ferda Ataman kritisiert. Zwar könnten theoretisch alle hier lebenden Menschen als „deutsch“ definiert werden, wenn es nicht um die formale Staatsbürgerschaft geht, die an bestimmte Kriterien geknüpft ist. Dann wären die genannten „alle“, deren Heimat in Deutschland zumindest fraglich ist, Menschen, die nicht hier leben. Doch ist unwahrscheinlich, dass die Frage auf Menschen ohne räumlichen Bezug als „alle“ abzielt. Es wird also innerhalb der Bevölkerung Deutschlands unterschieden zwischen solchen, deren Heimat ganz selbstverständlich Deutschland sei, den „Deutschen“, und „allen“, deren Beheimatung zu diskutieren sei.

Dies wiederum bedeutet, dass anhand bestimmter Kriterien eine Linie zu ziehen sei, die „die Deutschen“ von „allen Anderen“ trennt. Wie die #vonhier-Beiträge auf twitter sehr deutlich zeigen, werden Menschen mit oder ohne Migrationserfahrung immer wieder mit genau solchen Grenzziehungen konfrontiert. Ihre Staatsangehörigkeit spielt dabei kaum eine Rolle. Vielmehr werden ihnen ihre „Heimat Deutschland“ und ihr „vonhier“-Sein aufgrund äußerlicher Merkmale oder ihrer (angenommenen) Familiengeschichte, aufgrund ihres Aussehens, ihres Namens, ihres zweiten Urgroßvaters mütterlicherseits abgesprochen. Sie werden von Menschen, die sich selbst als eindeutig „vonhier“ und zugehörig wahrnehmen, zu Anderen, zu Fremden gemacht, auch wenn sie aus Herne kommen. Oder Bottrop, Bremen, Leipzig oder Passau.

Teilweise geschieht dies aus naivem Interesse, teilweise aus einem Nationsverständnis, das das „Deutschsein“ ethnisch-kulturell verengt und häufig genug mit einer bestimmten, rassistischen Vorstellung eines dazugehörigen Phänotyps verbindet. In jedem Fall handelt es sich um eine Form des „Othering“, des zu einem „Anderen“ Machens, das verletzend und diskriminierend wirkt oder wirken kann. Vielfach ist es Ausdruck eines unterschwelligen oder offenen Rassismus, wenn die „eigentliche“ Herkunft eines Schwarzen Menschen oder einer Person mit diesem oder jenem Namen nicht „Herne“ sein kann.

Mit etwas Optimismus lassen sich der „ethnische Ordnungsfimmel“ und die Debatten über das „Deutschsein“ als Rückzugsgefechte jener interpretieren, die von den zunehmend verwischenden oder sich verändernden sozialen Grenzziehungen einer hochgradig vielfältigen Gesellschaft überfordert sind. Immerhin ist der Anteil derjenigen in der deutschen Bevölkerung, die „deutsche Vorfahren“ als wichtiges Kriterium für das „Deutschsein“ ansehen, laut einer Studie des Berliner Instituts für Integrations- und Migrationsforschung (BIM) zwischen 2003 und 2013 von 48,2 % auf 38,1 % gesunken (https://www.projekte.hu-berlin.de/de/junited/deutschland-postmigrantisch-3-online.pdf/at_download/file).

Semantisch kommt mit dem Titel der Plasberg-Sendung jedoch ein weiterer problematischer Aspekt hinzu: Wie Jutta Ditfurth hervorhebt, ist „Heimat Deutschland – nur für Deutsche“ recht nah an „Deutschland nur für Deutsche“ oder, anders formuliert, an „Deutschland den Deutschen“ (https://twitter.com/jutta_ditfurth/status/1099488042363047937). Sprachlich werden hier also Räume eröffnet für rassistische Hetze, auch wenn das, so ist zumindest zu hoffen, nicht die Intention der Redaktion war. Darüber hinaus hallt in dem zweiten Teil der Frage – „oder offen für alle?“ – das viel gehörte „wir können nicht alle aufnehmen“ der unsäglichen Debatte über die Aufnahme Geflüchteter nach. Zwar legen der Titel und auch der Verlauf der Sendung nahe, dass es den Titelgeber*innen um die „Heimat Deutschland“ als Heimat der hier lebenden Menschen ging, doch auch hier werden auf nicht unproblematische Weise Räume für ausgrenzende und rassistische Diskurse eröffnet oder erweitert.

Interessanterweise ging und geht es in den Auseinandersetzungen über Asyl und Geflüchtete in Deutschland häufig um Integration und vermeintliche Integrationsdefizite. Nur #vonhier oder in Deutschland beheimatet sollen Migrant*innen, ihre Nachkommen oder Menschen, die womöglich (Nachkommen von) Migrant*innen sein könnten, bitte nicht sein?

Es bleibt zu hoffen, dass #vonhier Erfolg beschieden sein wird, sich andere, nichtrassistische diskursive Räume öffnen – dass längst überfällige Auseinandersetzungen geführt werden und zu einer weiteren Offenheit unserer schon immer auch von Migration geprägten Gesellschaft beitragen.