Diversität und Gesellschaft

Forschungsbericht (importiert) 2009 - Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften

Autoren
Nieswand, Boris
Abteilungen
Soziokulturelle Vielfalt (Prof. Dr. Steven Vertovec)
MPI zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, Göttingen
Zusammenfassung
Drei Gründe haben dazu beigetragen, dass der Begriff der Diversität, oder: gesellschaftliche Vielfalt, in den letzten Jahren eine Aufwertung erfahren hat: allgemeine Individualisierungstendenzen, die Zunahme migrationsbedingter Vielfalt und die gestiegene Bedeutung von Antidiskriminierungsdiskursen. Eine sozialwissenschaftliche Migrationsforschung, die sich den Herausforderungen ethnischer und religiöser Vielfalt stellt, öffnet sich auch gegenüber einer allgemeinen Gesellschaftsforschung.

Diversität in westlichen Gesellschaften

Vielfalt oder Diversität als Begriff zur Beschreibung westlicher Gesellschaften hat Konjunktur. Seine Aufwertung hängt mit drei sich wechselseitig verstärkenden gesellschaftlichen Prozessen zusammen:

Individualisierung

Wie Soziologen bereits in den 1980er-Jahren festgestellt haben [1], durchlaufen westliche Gesellschaften einen langfristigen Individualisierungsprozess, der seit den 1960er-Jahren an Dynamik gewonnen hat. Traditionelle Milieus und Lebenswelten schrumpfen, Familien werden instabiler und kleiner, Massenorganisationen wie Parteien, Gewerkschaften und Kirchen verlieren Mitglieder, berufliche Karrieren werden unsteter und unsicherer und Medienöffentlichkeiten fragmentieren sich. Das hat zur Folge, dass moderne Integrationsformen von Gesellschaft an Bindekraft verloren haben.

Diversifizierung

In Deutschland beispielsweise dominierte zwischen dem Mauerbau 1961 und dem Anwerbestopp 1973 die Zuwanderung der sogenannten „Gastarbeitermigration“. Nach dem Anwerbestopp und insbesondere seit den 1980er-Jahren ist eine graduelle Diversifizierung von Zuwanderung zu beobachten. Die Großgruppen von Arbeitsmigranten aus den Mittelmeerländern haben relativ an Bedeutung verloren und kleinere Gruppen von Zuwanderern aus einer großen Anzahl von Herkunftsländern haben relativ an Bedeutung gewonnen. Die einzige Ausnahme ist die Gruppe der Türken, die gegen diesen allgemeinen Trend ihren relativen Anteil seit den 1970er-Jahren vergrößert hat. Der Trend der Diversifizierung wird vor allem durch Statistiken deutlich, die die relative Verteilung aktueller Migration dokumentieren (Abb. 1).

Die Heterogenisierung der Zuwanderung betrifft neben der Verteilung von Migranten auf Herkunftsländer noch weitere Dimensionen, wie die Motivationen der Zuwanderer, den aufenthaltsrechtlichen Status, das schulische und berufliche Qualifikationsniveau, sprachliche Kompetenzen, religiöse Orientierungen, Aufenthaltsdauer sowie Art und Charakter der Beziehungen ins Herkunftsland [2]. Auch diese Faktoren beeinflussen Erfahrungen, Einstellungen und Lebenschancen von Zuwanderern, verlaufen aber quer zu der Einteilung von Migranten nach ihren Herkunftsländern. Gleichzeitig findet ein generationaler Differenzierungsprozess der Nachkommen von Migranten statt.

Der Kulturanthropologe Steven Vertovec [1, 2] beschreibt diese Komplexitätssteigerung sich überschneidender Formen von Unterschiedlichkeit als Superdiversität (super-diversity). Superdiversität in Vertovecs Sinne verweist auf eine komplexe mehrdimensionale Diversifizierung bereits existierender Formen sozialer und kultureller Vielfalt.

Antidiskriminierungsdiskurse

Ein weiterer gesellschaftlicher Prozess, der zu der Aufwertung des Diversitätsbegriffes beigetragen hat, ist die gestiegene Bedeutung von Antidiskriminierungsdiskursen (zum Beispiel Frauen, Alte, Homosexuelle, Behinderte, religiöse und ethnische Minderheiten). Über ihre beabsichtigten praktischen Effekte hinaus haben Antidiskriminierungsdiskurse zu einer partiellen kulturell-normativen Dezentrierung der Gesellschaft beigetragen. Damit ist vor allem gemeint, dass es schwieriger geworden ist, Regeln und Verhaltensstandards mit dem Verweis auf kulturell begründete Normalitätsvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft durchzusetzen.

Diversitätsforschung tritt an die Stelle der Migrationsforschung

Die graduelle Dezentrierung des kulturell-ethnischen Selbstverständnisses der deutschen Gesellschaft verläuft sicherlich nicht kurzfristig, unwidersprochen und linear. Sie wird aber wohl mittelfristig schon aufgrund demografischer Prozesse, wenn keine unvorhersehbaren autoritären politischen Entwicklungen stattfinden, ein bedeutsames Element gesellschaftlichen Wandels bleiben. In den deutschen Großstädten Frankfurt, Stuttgart und München haben bereits heute mehr als 35 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund.

Allerdings lässt sich aus der Anzahl der Personen mit Migrationshintergrund nicht ohne Weiteres etwas über den Charakter des Zusammenlebens in einem sozialen Lebensraum aussagen. Vielmehr ist diese Kategorie selbst ein interessanter Fall, der zeigt, auf welche Probleme eine auf Migrationsmerkmale festgelegte Perspektive in einer sich diversifizierenden Gesellschaft stößt. Die sehr breite Definition der Kategorie „Migrationshintergrund“, die zusehends die als veraltet wahrgenommene Kategorie des „Ausländers“ ablöst, zielt darauf ab, migrationsbezogene Merkmale möglichst weitgehend zu erfassen. Sie führt allerdings auch dazu, dass qualitative Unterschiede zwischen Personen mit Migrationshintergrund und dem Rest der Gesellschaft verschwimmen. Dies birgt die methodologische Gefahr, dass andere, relevantere Differenzierungen, die gegebenenfalls soziale Phänomene besser erklären, aber quer zu dieser Unterscheidung laufen, verdeckt werden.

Aus einer diversitätstheoretischen Perspektive scheinen die Probleme, Einheimische von Zuwanderern und ethnischen Minoritäten zu unterscheiden, keineswegs überraschend: dass Kategorien und Merkmale verschwimmen, sich überlappen und überkreuzen, ist genau das, was im Fokus des Interesses steht. Diversitätsforschung beschränkt sich also nicht auf Migration und ihre Folgen, sondern öffnet ihren Blick für die weiteren Zusammenhänge, in denen soziale, kulturelle und religiöse Unterschiede produziert und reproduziert werden.

Die Absicht, gegenwärtige Formen migrationsbedingter ethnischer, kultureller und religiöser Vielfalt angemessen darzustellen, führt dazu, dass die sozialwissenschaftliche Grenze zwischen Personen mit und ohne Migrationshintergrund verschwimmt. Dies wiederum verweist auf den relativen Bedeutungsverlust von Kollektivität als Beschreibungskategorie in komplexen Gesellschaften, auf den bereits die Individualisierungstheoretiker verwiesen haben. Der Versuch, die Kategorien der Analyse an die Komplexität der gesellschaftlichen Realität anzupassen, treibt die Migrationsforschung dabei gewissermaßen über sich selbst hinaus. Das heißt, in dem Maße, in dem Migrationsforschung zur Diversitätsforschung wird, verlässt sie ihren angestammten Gegenstandsbereich und öffnet sich gegenüber einer allgemeinen Gesellschaftsforschung. Bezogen auf die sozialen und demografischen Entwicklungen westlicher Gesellschaften erscheint dies als eine zukunftsweisende Perspektive.

Originalveröffentlichungen

1.
U. Beck:
Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne.
Suhrkamp, Frankfurt am Main 1986.
2.
S. Vertovec:
Super-diversity and its implications.
Ethnic and Racial Studies 29(6), 1024–1054 (2007).
3.
S. Vertovec, R. Römhild:
Entwurf eines Integrations- und Diversitätskonzepts für die Stadt Frankfurt am Main.
Frankfurt am Main: Dezernat für Integration, Magistrat der Stadt Frankfurt am Main (2009).
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