Erforschung neuer Schnittpunkte gesellschaftlicher Vielfalt

Forschungsbericht (importiert) 2007 - Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften

Autoren
Vertovec, Steven
Abteilungen
Soziokulturelle Vielfalt (Prof. Dr. Steven Vertovec)
MPI zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, Göttingen
Zusammenfassung
Die weitreichenden, sich noch beschleunigenden Prozesse der Globalisierung haben zu einer Steigerung der Arten und Merkmale gesellschaftlicher Diversität geführt. Sinnbild für diese Entwicklung ist die gegenwärtig wachsende Bedeutung ethnischer und religiöser Identitäten. Das 2007 gegründete Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften widmet sich historischen und aktuellen Mustern gesellschaftlicher Vielfalt und Ausdifferenzierung in Europa und der Welt.

Gesellschaftliche Vielfalt in der Welt

Vor einigen Jahren hielt der britische Soziologe Stuart Hall eine Rede, in der er ausführte, dass „die Fähigkeit, mit gesellschaftlichen Unterschieden zu leben, die (Schlüssel-)Frage des 21. Jahrhunderts“ sei. Dies gilt auf praktisch jeder Ebene, die man sich vorstellen kann: von Schulen, Arbeitsplätzen und Wohngegenden über Städte und Nationalstaaten bis hin zu geopolitischen Regionen wie Europa und schließlich der Weltgesellschaft selbst.

In den letzten 25 Jahren, wenn nicht schon länger, bedeutete Globalisierung, dass wir alle zunehmend in engerem Kontakt mit anderen stehen – durch Migration, Medien, Reisen, Konsum und die internationale Politik. Doch dies brachte weder eine farblose kulturelle Homogenisierung (oder Amerikanisierung) mit sich, wie manche befürchteten, noch eine allumfassende Verringerung gesellschaftlicher Unterschiede. Im Gegenteil, die gesellschaftliche Diversität ist nicht verschwunden, sondern sie steigerte sich und wurde deutlicher erkennbar, was einerseits sehr positiv bewertet wurde, aber andererseits auch den Ursprung für neue Konflikte bildete.

Es ist daher sehr zeitgemäß, dass die Max-Planck-Gesellschaft ein neues Institut gegründet hat, das sich der Erforschung gesellschaftlicher Vielfalt, ihren wechselnden Formen, Dynamiken und Auswirkungen widmen soll. Alltäglich treten Aspekte der Diversität in den Nachrichten auf, seien es Debatten über das Ausmaß von Einwanderung und die Notwendigkeit der Integration von Migranten, das Aufkommen politischer Religiosität und das Aufeinanderprallen von Fundamentalisten und Säkularen, die Notwendigkeit, öffentliche Toleranz gegenüber anderen Lebensstilen zu fördern, gegen alle Formen der Diskriminierung zu kämpfen oder Gemeinsinn und Bürgerrechte mit Inhalt zu füllen. Es ist eine große Herausforderung und Gelegenheit, aber auch eine Verantwortung, den Auftrag und die Ressourcen für Forschung auf dem Gebiet dieser kritischen zeitgenössischen Fragen zu erhalten.

Das Wesen der Vielfalt

Diversität wird in der Forschungsperspektive des neuen Max-Planck-Instituts nicht nur als ethnische und religiöse Differenz (oder einer Kombination aus beiden) verstanden. Globale wie nationale Prozesse haben es mit sich gebracht, dass viele Arten von Differenz als Hauptmerkmale sozialer und politischer Organisation in unseren Gesellschaften auftreten. Neben der sich wandelnden Bedeutung von Ethnizität und Religion sehen wir jene von Gender, Sexualität, Klasse, Sprache, Humankapital (wie etwa Bildung), Behinderung, Lokalität, Alter oder Generation, Rechtsstellung und Nationalität. Diese „Modi der Differenzierung“ haben sich vielerorts und zu unterschiedlichen Zeitpunkten in den letzten Jahren in mannigfaltiger Weise verbunden, um ein Kaleidoskop wechselnder Identitäten, sozialer Strukturen und politischer Bewegungen zu kreieren. Das Zusammentreffen beziehungsweise die Kontrastierung solcher Charakteristika sind „Schnittpunkte gesellschaftlicher Vielfalt“: das Nebeneinander von Identitäten und sozialen Charakteristika, die sich vielfach und rasant in Städten und Ländern rund um die Welt entwickeln.

Ein Beispiel hierfür ist das Aufkommen der „Super-Diversität“ an Orten wie London, wo von Migranten aus 179 Ländern derzeit 300 Sprachen gesprochen werden (Abb. 1). Jede Gruppe weist in Hinsicht auf Alter, Geschlechteranteile und Familienstrukturen sowie sozioökonomische, rechtliche und geografische Merkmale hochgradig differierende soziale Profile auf. Solche gewachsenen Komplexitätsmuster treten nicht nur in Mega-Cities wie London auf. Diese Muster zeigen sich zunehmend auch in kleineren Städten und ländlichen Gebieten, von denen man einst annahm, sie seien vollständig homogen.

Ethnische Diversität in London.

Dies ist keine Frage der Beobachtung neuer ethnischer Gruppen, die in alten sozialen Milieus ankommen. Vielmehr ergeben sich die entstehenden „Schnittpunkte“ gleichzeitig in mehreren sich überschneidenden Zusammenhängen. Ingesamt gesehen bedeuten diese Prozesse und die zunehmende Komplexität, die sie hervorbringen, dass „heutige Diversität nicht ist, was sie früher einmal war“.

Forschungsperspektiven

Es erfordert multiple Forschungsstrategien und Forschungsansätze, um Vorstellungen von den neuen Schnittpunkten gesellschaftlicher Vielfalt und ihrem gegenseitigen Bezug zu entwickeln, und um zu verstehen, wie sie früheren Mustern der Diversität gleichen oder sich von ihnen unterscheiden. Daher wird das neue Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften über ein breitgefächertes Forschungsprogramm verfügen, das drei Aspekte in den Mittelpunkt stellt: die soziokulturelle Dimension der Diversität, den religiösen Aspekt und die rechtliche und politische Dimension.

Dem Aspekt der soziokulturellen Dimension der gesellschaftlichen Vielfalt wird sich beispielsweise ein Projekt widmen, das Theorien und Methoden der Ethnologie und Sozialpsychologie kombiniert, indem Einstellungen und Alltagspraktiken im Kontext der „Super-Diversität“ untersucht werden. Ein anderes Projekt, das das neue Max-Planck-Institut mit Soziologen in Harvard, Sozialpsychologen in Oxford und Demografen in Paris vernetzt, wird eine groß angelegte Sozialerhebung über ganz Europa hinweg beinhalten, die im Vergleich mit Daten aus den USA analysiert werden und das Verhältnis von Ausmaß und Art der Diversität und der Ebene oder dem Grad der sozialen Kohäsion untersuchen wird.

Zur Ausrichtung des neuen Instituts gehören Forschungen zu Immigranten in Deutschland und Europa, aber auch zu gesellschaftlicher Vielfalt in mannigfaltigen Formen, wie sie sich historisch zum Beispiel in Indien, dem Ottomanischen Reich, Südafrika und Malaysia ebenso entwickelt haben wie in den großen Einwanderungsnationen Vereinigte Staaten, Australien und Kanada. Die Menschheit hat stets mit Diversität gelebt, die aber im Laufe der Geschichte vielfältige Formen angenommen hat und auf eine Vielzahl von Arten geregelt wurde. Im Hinblick auf ein Leben mit Differenz müssen diese Formen theoretisch berücksichtigt werden, wenn wir ein besseres Verständnis dessen erlangen sollen, woher wir kamen, wo wir uns befinden und wohin wir von hier aus gehen mögen.

Mit seiner Forschungsausrichtung und Forschungsstruktur zielt das Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften darauf ab, eines der weltweit führenden Zentren zur fortgeschrittenen sozial-wissenschaftlichen Erforschung zeitgenössischer Dynamiken gesellschaftlicher Vielfalt zu werden. Dies wird mit neuen empirischen Daten, hochstehenden theoretischen Beiträgen, methodologischer Innovation, dem Austausch mit Gastwissenschaftlern, der Ausbildung junger Wissenschaftler, der Kooperation mit der Universität Göttingen, dem Dialog mit den Medien sowie Empfehlungen an lokale und nationale Entscheidungsträger und nichtstaatliche Organisationen (NGOs) erreicht werden.

Es ist zu erwarten, dass das neue Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften bedeutend dazu beiträgt, der vordringlichsten Herausforderung des 21. Jahrhunderts zu begegnen. Diese besteht in der Förderung der Fähigkeit, in Rechtssicherheit, sozialer Gerechtigkeit und dem Respekt vor Differenz in zunehmend komplexen und vernetzten Gesellschaften zusammenzuleben.

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